Jamie - blind, behindert und voller Lebensfreude

Berichte über Hunde die, Blind, Taub oder anderweitig behindert sind.

Jamie - blind, behindert und voller Lebensfreude

Beitragvon Bonny » 14.09.2005 21:10

J a m i e

Am 16.04.2005 fuhr ich ins hiesige Tierheim um Sachen abzugeben die wir übrig hatten.

Ich ging dann noch durch die Zwingeranlage wo die Hunde untergebracht sind und blieb bei einem Zwinger hängen.

Da lag etwas braunes struppiges völlig apathisch auf der Erde. Alle anderen Hunde bellten oder jaulten, aber dieser Zwinger war unheimlich still.

Ich sprach sie an und sie reagierte, mit einem blau überwuchertem Auge stierte sie in meine Richtung. Dieser Anblick ließ mich nicht los.

Durch die Gitter streichelte ich ihr Fell. Es war so spröde und aus dem Häufchen Hund strahlte kein bisschen Leben aus. Lange Zeit blieb ich dort sitzen, meine Gedanken rasten hin und her. Ich fasste mir ein Herz und fragte bei dem Tierheim Personal nach was mit dem Hund los ist. Sie bestätigten mir dass Daisy, so hieß sie, vollkommen blind ist. So fuhr ich wieder nach Hause, mitsamt meinen Jungs und war froh, dass ihnen das Schicksal im Tierheim zu sitzen erspart bleibt.

Der Gedanke an Daisy ließt mich nicht mehr los. Letztendlich kam ich zu dem Schluß, dass ich sie mal zum Spazieren ausführen könnte. Montags rief ich direkt früh morgens dort an und durfte am Dienstag, den 19.04.2005 vorbeikommen und sie zum Spaziergang mitnehmen.

An dem Tag erfuhr ich erstmals etwas mehr über Daisy. Dass sie schwerst mißhandelt wurde und von einer Nachbarin der ehemaligen Besitzer freigekauft wurde.

Das ganze Ausmaß dieser Geschichte war uns damals nicht bewußt.

Auf diesem Spaziergang hat Jamie an meiner Seele genagt und sich in mein Herz gebrannt. So habe ich einen Tag später wieder im TH angerufen und gebeten Jamie am Freitag abholen zu dürfen und sie Samstags wieder zurück zu bringen. Ich wollte ihr mal einen schönen Tag bereiten und sie auch meinem Freund vorstellen. Dies geschah am Freitag, dem 22.4.05 und nach einem Ausflug an den Rhein (wo ich den Hund von Daisy zu Jamie umtaufte) stellte ich sie Abends meinem Freund vor.

Das erste Foto von ihr am 22.4.05 am Rhein

Bild

Jamie lief in den Garten und stand ihm plötzlich gegenüber, stierte mit ihren blinden Augen und ihrem krüppeligen Körper in seine Augen. Und das, was er dann sagte, ließ mich vor Freude weinen: "Gott ist die süß, aber Du glaubst ja nicht allen Ernstes, dass ich sie morgen wieder ins Tierheim bringe. Nein, die bleibt bei uns, sie braucht dringend Hilfe."

Und so geschah es, dass wir am Samstag, dem 23.4.05 ins TH fuhren um die Formalitäten zu erledigen und Jamie wieder mit nach Hause zu nehmen. Der Mann vom TH hatte an dem Morgen bereits mit dem Vorstand über Jamie gesprochen und sie haben einstimmig beschlossen, dass sie uns Jamie gerne schenken möchten.

Ich hatte so einen Kloß im Hals.

Aber mein Freund hat das nicht angenommen, okay angenommen schon, aber er hat dann eine allgemeine Spende getätigt. Sie begründeten die Entscheidung damit, dass sie für Jamie nie eine Chance sahen dass sie vermittelt wird. Jeder ging an ihrem Zwinger vorbei, sobald sie ihre Augen sahen und wie sie läuft. Warum nur?
Ich verstehe das nicht, denn sie ist perfekt auf ihre Art und Weise. Man muss schon hinter den Hund gucken, nicht auf das was man momentan sieht. Niemand erkannte das Potential das dieser Hund hat, außer mir.

Am 16.6.2005 fuhren wir mit Jamie in die Tierklinik Duisburg um eine eventuelle OP-Möglichkeit abklären zu lassen.

Dort erfuhren wir das Ausmaß von Jamie´s Leidensweg:

- Rachitis
- Bruch von Elle und Speiche
- Karpalgelenksfraktur rechts
- instabiles Karpalgelenk links
- Keratitis
- Retinaatrophie linkes Auge
- Ophtalmitis und Cereanitis
- mind. 8 gebrochene Rippen
- Dammbeinbruch auf rechter Hüftseite
-Oberschenkelhalskopf ausgekugelt und gebrochen auf linker Seite
- Ihr rechter Ellbogen ist völlig hinüber

Außer ihrem linken Vorderbein und der Wirbelsäule ist nichts mehr heile an ihr. Sie wurde auf grausamste Art mißhandelt und gequält. Aber ihr lachen haben wir schnell wieder wecken können.

Bild

Diese Sache ließ mich nicht los und so habe ich mich auf die Suche nach der Frau gemacht die Jamie damals freikaufte. Am 23.7.05 haben wir uns getroffen. Die Frau brachte auch die Nichte dieses Unmenschen mit. Das Kind war die einzige die sich damals ab und an um Jamie kümmerte. Das Kind erzählte was sie mit eigenen Augen gesehen hat.

Ich glaube ich hab mich zusammen reißen können weil sie ein Kind ist, da muss man als Erwachsener doch stärker sein. Es war hart was sie schilderte, wie sie selber sah wie er die winselnde Jamie immer wieder in die Ecke getreten hat, etc... Sie hat fast nie Wasser oder Futter bekommen. Er gab ihr mal Gyros ab oder übrig gebliebene Kartoffeln. Das Kind brachte ihr heimlich Futter und füllte den Napf mit Wasser. Wenn Jamie den aber aus Versehen umschmiss gab es von dem Typen kein neues.

Ich sah die Angst in Valeries Augen als sie von ihm sprach und kann nur sagen Hochachtung vor dem Mut dieses kleinen Menschen dass sie sich ihm entgegenstellte und letztendlich noch die Fotos machte um sie der Frau zu zeigen die Jamie aufgrund dessen da rauskaufte.

Jamie konnte ihre schweren Mißhandlungen nicht sehen, sie war damals schon blind. Sie war 8 Monate lang in der Küche am Heizungsrohr angebunden und hatte keine Chance diesem Martyrium zu entkommen.

Bild

Bis sich mutige Menschen das Herz fassten sie zu befreien und ich sie im Tierheim finden konnte.

Nun ist sie seit knapp 5 Monaten bei uns. Aus dem mickrigen apathischen Hund ist eine selbstbewußte junge Schäfer-Mix-Hündin geworden die ihr Leben in vollen Zügen genießt und sehr tapfer und stark ist.

Bild

Meine beiden Rüden Kimba und Aaron haben mir in den letzten Monaten bei Jamie´s Erziehung und Kampf gegen ihre Ängste ganz dolle geholfen.
Ohne meine Jungs
Platzhalter : Bilderlink von Imageshake leider nicht mehr gültig
wäre Jamie nicht das was sie heute ist. Sie hat von ihnen die Hundesprache gelernt und vieles mehr.

Am 23.8.05 war die erste OP- Femurkopfresektion mit vollem Erfolg. Bereits 22 Tage nach der OP kann Jamie traben ohne zu humpeln, mit allen vier Beinen gleichmäßig. Wie ein normaler Hund. Und Jamie ist normal, sie kann nur nichts sehen, na und? Ihr ist es sowas von egal, sie lebt, sie ist frei und in Sicherheit. Was will ein Hund mehr, ausser noch jeder Menge Liebe.
Ihre Lebensfreude
Bild ist unbezahlbar für uns.

Und ihr charmantes lachen und zwinkern, Jamie hat es geschafft auch wenn noch ein langer Weg vor uns liegt um sie halbwegs wieder herzustellen, gemeinsam werden wir das schaffen, Schritt für Schritt.

Bild
Bonny
 

Beitragvon Astrid » 15.09.2005 12:04

Jamie , da haste aber Glück gehabt und bist deinen Schutzengel begegnet !

Schönes langes HundeLeben und ....
Astrid
 

Beitragvon Sina » 15.09.2005 12:48

Liebe Heike,

vielen Dank für das, was Du für Jamie
getan hast.
Aber manchmal gibt es auch ein Happy End
und mich macht es immer wieder nachdenklich
wie sich alles im Leben aufeinander zu bewegt.

Liebe Grüße
Sina
Sina
 

Beitragvon Arko » 15.09.2005 20:28

Ach Heike, einfach nur: Super
Arko
 

Beitragvon Pascale75 » 15.09.2005 21:14

Liebe Heike,

ich habe Jamie´s Geschichte von Anfang an mitverfolgt und bin trotzdem jedes Mal aufs Neue geschockt, wenn ich das frühere Bild von ihr sehe, wie sie gehalten und was ihr alles angetan wurde.
Umso schöner ist es, jetzt ihre Fotos zu sehen. Sie hat sich so toll entwickelt. Dank Euch kann sie endlich ein hundewürdiges Leben führen.

Liebe Grüße

Wiebke mit Kaya, Rocky und Miro
Pascale75
 

Beitragvon Sandra&Bogy » 15.09.2005 21:34

Heike, ich glaube ich weis nur von knapp der Hälfte der medizinischen Diagnosen die Bedeutung. Was ich aber sicher weis ist, welch ein wahnsinniger Lebenswille und Lebensmut in Deiner Jamie steckt ...und das ich den Hut vor Dir und Deinem LAG ziehe, diesem wundervollen Geschöpf ein neues Leben zu schenken. Wir können noch viel lernen...
Sandra&Bogy
 

Beitragvon Kathy » 15.09.2005 22:01

Es ist unglaublich schön, diese Entwicklung zu sehen! Und es macht unheimlich wütend, wie grausam Menschen sein können ....

Ich wünsche euch alles Gute für die gemeinsame Zukunft
Kathy
 

Liebe Jamie,

Beitragvon Iwra&Hilde » 15.09.2005 22:33

wir wünschen dir mit deiner Herzfamilie (2- plus 4-Beinern!) alles, alles Gute! Es gab immer grausame Menschen und leider wird es wohl immer wieder welche geben. Aber da ist auch die andere Seite: Menschen, die nicht wegschauen, die helfen, die sich nicht um Äußerlichkeiten kümmern. Vor denen können wir alle unseren Hut ziehen!

Danke Heike, dir und deinem Partner!

Lieber Gruß
Iwra & Hildi
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Beitragvon golden-inka » 16.09.2005 22:17

Hallo Heike,

eine mitreissende Geschichte der armen Jamie und dank Dir und Deinem Freund hat sie eine Chance und ihre Lebensfreude zurückgewonnen. 00111
Hoffentlich gibt es noch ganz viele Menschen, die so wie Ihr einem gehandicapten Tiere ein Zuhause geben und erkennen, welches Potential und Liebe diese Tiere geben können.
golden-inka
 

Re: Liebe Jamie,

Beitragvon Bonny » 16.09.2005 22:54

Iwra&Hilde hat geschrieben:Aber da ist auch die andere Seite: Menschen, die nicht wegschauen, die helfen, die sich nicht um Äußerlichkeiten kümmern. Vor denen können wir alle unseren Hut ziehen!


Das stimmt. In dem Fall war es ein 12 Jahre altes Kind namens Valerie. Ohne sie wäre Jamie nicht mehr am Leben. Ich habe erst vor kurzem ihre Narben auf dem Kopf entdeckt, unter dem Fell. Ich bin mir sicher dass er sie irgendwann einfach totgeschlagen hätte. Und Dank Nicole, die Frau die sie da rausholte, sie hat verhindert dass sie eingechläfert wird. Das wollte der TA damals tun, dem Jamie vom Veterinäramt aus zur Untersuchung vorgestellt wurde.

Die Ämter haben versagt, ganz grandios. Vier mal war das Vet-Amt bei dem Mann zu Hause. Sie haben ihm einen Termin zum röntgen auferlegt, wegen dem Vorderbein, er erschien nicht und sie haben es so hingenommen.
Das Vet-Amt hat nicht gesehen dass Jamie ihr linkes Hinterbein nicht benutzen konnte. Der TA bei dem sie war hat es nicht gesehen. Der TA vom Tierheim wo sie landetet hat es nicht gesehen. Das TH selber hat es nicht gesehen. Als ich sie zum ersten mal sah habe ich es sofort gesehen. Warum? hat niemand das bemerkt. Sie hatte unterträgliche Schmerzen erleiden müssen und ich blöder Laie der kein TA ist habe es sofort bemerkt.
Das ist ein Teil dessen der mich so wütend macht.

Ich kann das Telefonat mit dem Vet-amt das ich vor Wochen führte nicht aufschreiben, das wäre zu viel. Aber zum ersten Mal in meinem Leben habe ich jemand am Teleofn angeschrien und zur "Sau" gemacht. Da kamen Dinge zu Tage die mich an vielem zweifeln liessen. Die Krönung war die Anzeige gegen uns weil wir vergessen hatten Jamie gemäß Hundeverordung und Hundesteuer zu melden. Ja, wir haben es wirklich vergessen, weil wir nur einen Gedanken hatten, wie können wir es schaffen dass Jamie am Leben bleibt und Kraft findet. Warum haben wir es immer so oft mit Unmenschen zu tun? An manchen Tagen würde ich so gerne bei dem Mann vorbei fahren der ihr das angetan hat. Aber ich schaff das nicht und das ist auch gut so. Allerdings habe ich ihn beim Jungendamt angezeigt. Denn sie haben vor 3 Monaten ein Baby bekommen. Ein kleiner Erfolg. Das Jugendamt war tatsächlich dort und behält sie im Auge. Denn wie groß ist der Schritt von dieser abartigen Mißhandlung eines Hundes zum eigenen Kind? Ich meine, nicht sehr groß.
Bonny
 

Beitragvon Pearl » 17.09.2005 07:19

Auch von mir noch mal Hochachtung für all das was ihr bisher geleistet habt.
Für´s nicht weggucken und auch an Valerie und Nicole Respekt.
Ich weiß nicht wie man diese Wut und all die Emotionen beim Anblick von Jamie verdauen kann. Es fällt bestimmt nicht leicht.
Pearl
 

Beitragvon Hannelore » 17.09.2005 21:02

Ich kann immer nur wieder das selbe schreiben. Jaimie hatte in ihrem Leid viele Schutzengel, die sie zu Dir geführt haben. Seit einigen Monaten wird sie für alles entschädigt, was man ihr in den ersten 8 Monaten angetan hat.

Sie ist ein wunderbarer Hund und ich glaube, sie zeigt Dir jeden Tag , wie glücklich sie ist, und das macht Dich glücklich. Ihre Liebe ist wohl das schönste Geschenk, was sie Dir machen kann.

Liebe Grüße

Hannelore mit Anton
Hannelore
 

Beitragvon Usch » 18.09.2005 18:37

Hallo Heike,

ich kenne Jamies Geschichte zwar schon, aber so komprimiert ist es doch immer wieder ein Schock, zu lesen, wozu Menschen fähig sind.

Gott sei Dank gibt es Dich und Deinen Mann und ihr habt ihr wieder Lebensfreude geschenkt.

Ich finde, man sieht richtig, wie glücklich sie jetzt ist!!

Liebe Grüße
Usch, Romeo und Elli
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Beitragvon Antje » 13.01.2006 15:31

Hallo Heike,

ich lese gerade von Jamies Schicksal... Ich kann vor lauter Tränen kaum die Tastaur erkennen; Tränen der Wut, des Mitleids und gleichzeitig auch der Freude, dass Jamie das Glück hatte, dass du vorbeigekommen bist und dass dein Freund so toll reagiert hat!

Ich wünsche euch noch ganz viele glückliche Jahre zusammen und dass Jamie ihre grauenvolle Vergangenheit vergessen kann.

Kannst du mal wieder Fotos einstellen?
Liebe Grüße von

Antje & Emmy (m. Mexx im Herzen)
Antje
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Beitragvon Silke » 13.01.2006 21:18

Hallo Antje,
unsere Heike schreibt auch noch liebevoll in einem Tread unter Herzhundeberichte, da gibt es noch viel mehr schöne Bilder und Berichte zu lesen.
Findest da auch ganz aktuelle Bilder,hier mal der Direktlink:
Platzhalter : Link leider nicht mehr gültig
Liebe Grüße Silke ( Admin ) mit
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